Die Sache mit dem Gutmenschentum
Einige Zeit ist nun seit meinem Post über soziales Engagement vergangen (“es geht um die Note“).
Ich für meinen Teil habe mich in der Zwischenzeit nicht wirklich sozial engagiert und bin auch über nichts gestolpert, was mich wirklich begeistert hätte.
Heute hatte ich aber zwei Gespräche in die Richtung, welche das Thema wieder auf den Plan rufen. Das eine war mit Paula von http://www.laurelscookies.com/ und das andere mit jemandem, der sich aus ‘we want to change the world’ Gesprächen im Rahmen einer Konferenz ausgeklinkt hat (weiss nicht, ob der genannt werden will).
Wie auch immer, ich bin derzeit beschäftigt mit dem Aufbau von Team Europe Ventures und da geht viel Zeit rein – die ‘schulde’ ich auch meinem Team und meinem Portfolio. Also verfolge ich daneben nichts aktiv. Habe aber meine Augen offen.
In – wirklich sehr bescheidenen Umfang – unterstütze ich ab und an Steps4Children. Das Projekt finde ich von der Umsetzung sehr gut. An der Spitze steht ein erfahrener Unternehmer und das ganze ist recht nachhaltig und unternehmerisch/ skalierbar ausgelegt. Aber Afrika ist nicht wirklich mein Thema, ich habe da wenig Bezug. Und mir zu wenig Gedanken gemacht, um zu entscheiden, ob das der wichtigste Hebel in meinem Wertesystem ist, an dem man ansetzen kann.
Weiter habe ich Dagmar Quentin kennen gelernt. Sie macht ‘Cinema Jenin‘, ein Projekt in Palästina mit dem Ziel, Begegnungen zu schaffen zwischen Israelis und Palästinensern. Hat mir auch gefallen – wenn auch nicht unbedingt skalierbar, so doch dennoch inspirierend und schön. Aber auch hier, kein wirklicher Bezug.
Dann gibt es noch in meinem Umfeld die Noah Foundation (Gruß an Helen und David!), hier ist das Thema Madagaskar/ Afrika. Ich habe mich nicht tiefer damit auseinandergesetzt, ähnliche Zielsetzung wie Steps4Children, aber zumindest auf den oberflächlichen Blick weniger ausgeklügelt als Steps4Children (macht doch lieber ein s4c franchise!).
Überhaupt denke ich, dass es zu viele verschiedene Projekte gibt. Die Frau eines Mitarbeiters bei einem meiner Portfolio Unternehmen will z.B. auch auf eigene Faust Education Projekte in Afrika machen/ eine neue NGO gründen. So etwas erweckt bei mir immer den Eindruck, als denken die Leute eigentlich doch eher an sich und wollen sich produzieren/ kreativ sein und nicht wirklich helfen. Sonst würden sie sich bestehende Projekte suchen. Jedem, der sich in Afrika engagieren will, empfehle ich Steps4Children! Neulich hatte ich einen besonders anmaßenden Fall, ein Paar BWL Studenten wollten – recht offensichtlich für ihren CV – Beratung und Projektmanagement in Afrika machen. Die simple Idee: wir haben ja BWL know how, die Afrikaner können das nicht, also gehen wir hin und machen Projektmanagement für die und Beratung. Brrrrr, schrecklich.
Ach ja, dank Rene Seifert habe ich auch ungefähr einen halben Laptop (vermutlich eher ein viertel) gespendet.
Nun, was liegt mir – ausser Unternehmertum – nahe? Zum einen habe ich ein simples philosophisches Wertesystem. GDP ist schön und gut, viel schöner ist aber Wissen und Erkenntnis (am Ende müssen wir die Entropie mehren! Ist halt so.). Um Erkentniss zu mehren, brauchen wir Erziehung/ Bildung. Bildung ist gut, fördert den Wissensausstoss. Und nebenbei sorgt es auch für Wohlstand und tendenziell Glück (obwohl Glück und Wohlstand nur bedingt korreliert sind). Also, mit Bildung kann man nicht viel falsch machen.
In meinem persönlichen Hintergrund (Immigrant mit 8 Jahren aus Polen) spielt Integration eine wichtige Rolle. Ich hatte hier ziemlich Glück und wurde super integriert – nicht zuletzt durch das Engagement von einzelnen spezifischen Personen. Beispiel: Ich war der einzige nicht-deutsch sprechende in meiner Grundschulklasse – praktisch.
Nun, der Hebel ist da am größten, wo das Gefälle zwischen Potential und Realität am höchsten ist. Wenn ich das Leben von einigen Personen so positiv beeinflussen könnte, wie es einst für mich die engagierten Leute in Kassel getaen haben, wäre das schön (btw., meine Kassler Helfer waren CDU Stammwähler! Und auch ein Paar Lehrer, von denen ich viel verdanke, z.B. doch nicht von der Schule zu fliegen – gruß an Kappe
. Und das Potentialgefälle ist sicher bei Migrationshintergründen am höchsten. Da hört man gerade in Berlin so manche Horrorstory. Wenn ich einmal aktiv werden sollte, dann ist das eine potentielle Richtung. In der Zwischenzeit halte ich die Augen offen, ob es etwas cooles – inspirierendes oder skalierbares und in jedem fall mit chemisch kompatiblen Leuten – in diese Richtung gibt.
So, genug Gutmenschentum, back to the rat-race & schönen Abend!
Schön, dass Du das Thema wieder aufgreifst und Dich weiter offen damit auseinandersetzt, auf welche Art und Weise man sich am besten / effizientesten engagieren kann. Du weißt ja, dass mich das auch immer wieder umtreibt. Diese ganzen Gutmenschen-Sachen von wegen dies und das für Afrika etc. sind sicherlich im Ansatz begrüßenswert und extrem gut gemeint. Die Informationsasymmetrie aber ist mir hier zu heftig – zumal das ganze immer auch ein wenig was von Freikaufen hat, finde ich. Dann lieber einfach mal die Zölle in der EU senken und fairen Handel mit den Jungs da unten zulassen – damit wäre denen mit Sicherheit am meisten geholfen, vielleicht noch in Kombination mit einer Verbriefung ihrer Grundstücke bzw. -rechte, damit die dort mal eine Grundlage / Sicherheit für wirtschaftlichen Handel mit Banken haben.
Zu Dir bzw. TEV aber: Meines Erachtens bist Du mit der Grundidee von TEV auf gar keinem so schlechten Weg diesbezüglich: immerhin fördert Ihr Unternehmertum und wollt damit auch erfolgreich sein (= Steuern zahlen, Arbeitsplätze schafffen etc). Ganz konkret aber liegt Deine persönliche wirtschaftliche Verantwortung dann dort in der Art und Weise, wie Ihr bei TEV gewisse Dinge handhabt: hier müsst Ihr selber reflektieren, ob das was Ihr so treibt, Euren Wertvorstellungen genügt. Das ist oft verdammt schwer, zumal es da kein von außen klar benennbares schwarz/weiß bzw. falsch/richtig gibt. da könnt ihr nur selber beurteilen, ob ihr eurer verantwortung gerecht werdet und die Strukturen für alle Beteiligten fair sind, d.h. zB implizite Verträge (=Erwartungen, Hoffnungen etc.) aller Beteiligter berücksichtigt werden.
das andere ist, wo bzw. in was man investiert. ich bin der meinung bzw. will künftig versuchen folgende axiome bei meinen projekten zu berücksichtigen:
a) wer langfristig denkt, macht gewisse Sachen einfach nicht (ugs: kommt lfrstg sowieso raus, wiss: in iterierten spielen ist kooperation nunmal die dominante strategie)
b) es gibt einen anteil x an der bevölkerung, der ‘gutes’ als Kunde honoriert und mit einem Premium fördert. hier kann man also ganz gezielt, gutes aufbauen und darauf setzen, dass diese zielgruppe das baby selber mit voranbringen wird, weil sie es empfehlen, verbessern etc
c) wer etwas sinnvolles aufbauen will und dies wirklich nicht nur der knete wegen machen will, der wird dafür auch unterstützer finden. das ist ja das schöne an unserem ausgeuferten sozialstaat. es gibt jede menge leute, die aus irgendwelchen gründen die zeit haben bzw. sie sich nehmen können und wollen, einen bei diesen projekten zu unterstützen.
d) philantropie im klassischen sinn ist out. gutes tun und geld verdienen ist kein widerspruch mehr, verstehen zunehmend auch die großen gelder. man wird also nicht mehr einfach nur noch spenden wollen, sondern auch investieren können in gute ideen. hier müssen wir allerdings noch was an unserem stiftungsrecht dafür tun..
soweit my2cents.. schönen Abend noch!