Aktuelle Debatten in der deutschen Start Up Szene – ein kurzer Beitrag

Nachdem es in den letzten Tagen in einigen Foren heiß her ging (Kommentare auf Deutsche-Startups, Arikel in t3n und meedia), möchte ich – nicht in die Debatte einsteigend – mich “kurz” äußern.

Lieferheld vs. Pizza.de vs. Liefernado: Ich zweifele nicht an der Integrität des Management von Lieferheld. Mit Sicherheit wurden aber vor zwei Jahren bei Start Fehler gemacht, welche zu einem Streit mit pizza.de geführt haben. Ein Zivilgericht hat diesen Streit rasch entschieden; der entstandene Schaden wurde dabei auf unter 500 EUR beziffert (!); jeder trug seine Rechtsanwaltskosten selbst. Der Staatsanwalt hat nahezu zwei Jahre weiter ermittelt; das Ergebnis ist so, wie es ist. Ob es verhältnismäßig ist, muss jeder für sich selbst beurteilen. Die Lieferheld Geschäftsführung zumindest hat offenbar beschlossen, es darauf beruhen zu lassen, und nicht in eine aufwändige Revision bzw. in Prozesse zu gehen. Für Rechtsanwälte war der Fall geschlossen für PR-Berater offenbar noch nicht. Die Verhältnismäßigkeit der Verwendung der Begriffe “kriminell” etc. in den Artikeln und Kommentaren der Start-up Presse kann ebenfalls jeder für sich selbst beurteilen. Hier sollte man sich aber auch “cui bono” fragen. Meine persönliche Meinung: ich bedauere, dass Partikularinteressen nicht nur den guten Ruf des konkreten Unternehmens, sondern den der ganzen Branche beschädigen.

Generelle Tonalität in Kommentaren und den Publikationen einzelner: Kommentare entsprechender Artikel etc. sind sehr negativ; es gibt lauter Anfeindungen, Beschimpfungen, usw. In aller Regel geschieht das anonym. Teilweise unter falschen Namen. Insgesamt ergibt sich so ein sehr negatives Bild. Das ist sehr schade, denn bitte bedenkt: es handelt sich in der Regel um einige wenige immer gleiche Kommentatoren! Ich schätze, dass 80%-90% aller dieser “Flame”-Kommentare von lediglich 4-5 Individuen sind! Da teilweise mit falschen Namen, entsteht aber der Eindruck von breiten negativen Stimmungen. Das kann man aber leicht abstellen; von Seiten der Forenbetreiber, in dem sie offensichtlich gefälschte oder im wesentlichen inhaltsleere Kommentare gar nicht erst freigeben. Und von uns allen, die positiv gestimmt sind, in dem man nicht einfach nur schweigt, sondern entsprechend seine Meinung kurz schreibt! Also, liebe Leute, “stand up” und lasst uns von einigen wenigen nicht die Stimmung vermiesen!
Bitte bedenkt, dass wir neben der eigenen Stimmung auch die Deutsche Szene international repräsentieren. Wenn wir als Haufen zerstrittener missgünstiger Neider nach Außen wirken, ist das nicht gerade positiv. Und für die, die das Argument haben: “Die cleveren Leute wissen dass doch alles einzuordnen/ die Kommentare liest ehe niemand” – bitte bedenkt, dass gerade auch junge Leute mit noch nicht so viel Erfahrung über Foren etc. erste Kontakte mit der Start-up Welt knüpfen. Hier haben wir alle auch Vorbildcharakter. Also, nochmal an die schweigende Mehrheit: bitte äußert eure Meinung!

Ethik in der Start Up Szene: Ich habe nicht den Vergleich, mit vielen anderen Branchen, weil ich vor allem die Start-up Szene kenne. Und die kann ich höchstens international vergleichen. Ich habe aber nicht den Eindruck, als mangele es hier generell an Ethik. Dass sich einzelne fehlverhalten, kommt immer wieder vor. Insgesamt sind es aber einfach unheimlich viele sautalentierte Leute. Wer gut ist, hat Erfolg. Wer wirklich gut ist, hat auch mehrfach Erfolg. Da Internet Unternehmen extrem produktgetrieben sind, und der technische Wandel extrem schnell, ist das System auch sehr “durchlässig”. Clevere Leute mit einer guten Idee und einer guten Umsetzung sind noch nicht einmal auf Kapital angewiesen. Viele der sehr erfolgreichen deutschen Unternehmen sind dabei mit extrem wenig oder gar keinem Kapital entstanden – z.B. aus eigener Erfahrung spreadshirt.net; oder auch gameforge.de; international fallen mir spontan Badoo oder Minecraft ein, die mit wenig bis keinem Kapital gestartet sind. Und die Szene ist extrem plural – die von einigen kolportierte “Kartellbildung” kann ich keines falls beobachten. Das Ökosystem ist vielmehr extrem bunt und vielfältig. Und die meisten Leute sind extrem cool & fair. Der Wertschöpfungs- und Innovationsgrad ist einfach so hoch, dass es total dumm wäre, unfair zu spielen, etc.
Mehr an Ethik immer gerne – aber ich glaube, wenn man sich entscheiden müsste, dann stiften andere Debatten mehr Wert (z.B. Leistungsorientierung; Vorbilder; “deutscher Neid”, etc.).
Auch das “Build to flip” ist Unfug. Die meisten Unternehmen schaffen nachhaltig Wert. Das gehypter Unsinn gekauft wird, ist in Deutschland die Ausnahme, nicht die Regel.

Ehssan Dariani/ in eigener Sache: Ich bedauere den Groll, den er gegen alle seine ehemaligen Geschäftspartner hegt. Wenn es in diesem Zusammenhang Gerichtsprozesse gibt, so sind sie mir nicht bekannt. In jedem Fall bin ich in solche nicht involviert. Zu Dariani habe ich den Kontakt so weit es mir möglich war, bereits vor geraumer Zeit abgebrochen. Nach seinen Provokationen, Anfeindungen und Verleumdungen habe in den letzten Monaten mehrfach erfolglos das Gespräch gesucht; nunmehr sah ich mich gezwungen, erste rechtliche Schritte einzuleiten, und prüfe weitere. Aus meiner Sicht handelt es sich hierbei nicht um einen “Streit” sondern vielmehr um “Rufmord”, “Terror” und “Stalking”. Ich bedauere dies sehr, und hoffe, dass es alsbald vorbei ist, damit alle Beteiligten ihre Energie auf produktivere Dinge lenken können.

Unabhängigkeit der Start-up Presse: Der Vorwurf lautet, dass Deutsche-Startups.de von Samwers und Holtzbrinck kontrolliert würde, Gründerszene hingegen von Team Europe. Aus meiner Sicht ist Unabhängigkeit gegeben. Zum einen glaube ich daran, dass die Redaktionen unabhängig sind, und die Gesellschafter keinen operativen Einfluss nehmen (bei Gründerszene weiß ich es – siehe auch einen älteren Beitrag hier, und seitdem hat sich noch viel mehr in die Richtung getan – siehe hier). Zum anderen machen die Gesellschafter – auch wenn sie in der Presse prominent sein mögen – doch nur einen kleinen Teil der Szene aus. 95% aller Unternehmen haben doch weder mit Team Europe noch mit Rocket noch mit Holtzbrinck was zu tun. Über die würde dann – selbst wenn man als Pessimist annimmt es gäbe Einflussnahme –  in jedem Fall objektiv berichtet werden. Und über die jeweils anderen Netzwerke kann das jeweils andere Magazin berichten. Ferner gibt es eine ganze Vielzahl kleinerer unabhängiger Blogs – sei es Tech-Berlin, Silicon-Allee, und weitere. Wenn es tatsächlich etwas auf zu decken gibt, dann werden diese das schon machen und davon profitieren – der Markt für Objektivität und Wahrheit ist nie gesättigt.
Auch wenn aus meiner Sicht rational kein Handlungsbedarf besteht, sind alleine die Vermutungen schädlich, und für die Redakteure in ihrer Arbeit störend. Wir werden darüber nachdenken, wie wir hier weiteres Vertrauen schaffen können.

Abschließend, weil sich das Obere alles so negativ liest, noch etwas zum Status Quo der deutschen Start-up Szene: Extrem positiv! Ich bin seit nunmehr knapp über 10 Jahren in der Start-up Welt aktiv. Es ist unglaublich toll zu sehen, was sich in dieser Zeit alles getan hat, und die Entwicklungen sind beeindruckend – insgesamt einfach nur positiv. Viele Leute, die ich um 2006 kennen gelernt habe, und die ihre ersten unternehmerischen Gehversuche gestartet haben, und, wichtig!, dran geblieben sind, trotz des einen oder anderen Rückschlages, sind heute extrem erfolgreich. Entweder haben sie ihre ersten Exits hinter sich, oder ihre Unternehmen wachesen nachhaltig und sind auf einem guten Weg. Einige Beispiele, die mir spontan einfallen sind betreut.de, ladenzeile, oder der Mega-Hit trivago. Aus einigen anderen Unternehmen sind mittels der Alumni ganze Batterien neuer Unternehmen entstanden – sei es aus Jamba mit Wooga, oder zahlreiche gut “ausgebildete” be2 Alumni, oder eben immer wieder Rocket. Dabei hat das Ökosystem nicht nur Erfahrung, sondern auch Kapital aufgebaut. Und das ist dann auch die Basis für immer mehr Innovation – Serienunternehmer trauen sich mehr, und können dickere Bretter bohren – siehe z.B. Doo. Auch auf Kapitalseite hat sich extrem viel getan – erfolgreiche Spieler haben sich gefestigt, wie z.B. Holtzbrinck Ventures, b2v, Mountain oder Earlybird. Auch eine ganze Reihe neuer ist dazugekommen: Tengelmann e-Commerce; DuMont Ventures; oder eben Point Nine Capital. Und auch die englischen und US VC’s strömen immer mehr nach Deutschland. Die Top Namen der Welt wie Index, Benchmark, Union Square oder Insight haben alle Beteiligungen in Deutschland und suchen aktiv nach weiteren. Das Ökosystem ist bunt und vielfältig und hat die kritische Masse für erfolgreiche “Kombination und re-Kombination” längst überschritten. Und es gibt echte Innovationen, Unternehmen, die entweder schon global sind, oder das Zeug dazu haben – sei es researchgate, soundlcoud, zalando, number4 oder tape.tv.
Alles in allem eine absolut geile Zeit; ich denke, selten in der Geschichte hat es so viele Möglichkeiten und so gute Voraussetzungen gegeben, unternehmerisch aktiv und erfolgreich zu sein. Ich freue mich also auf 2013 und die kommenden Jahre – und wer weiß mit ein wenig Glück ist das nächste Amazon/ Apple/ Google/ Facebook vielleicht ein deutsches Unternehmen? SAP hat es ja schließlich auch geschafft :)