Von der Künstlichkeit des Naturbegriffs (oder: Künstlich ist künstlich)

Immer wieder begegnet man – an durchaus entscheidenden Stellen – in Debatten und Diskussionen dem Argument, etwas sei ‚künstlich‘. In der Regel wird damit begründet, warum man eine Entwicklung oder gewisse Handlungen und/ oder Vorstellungen ablehnt. Warum etwas nicht gut ist, weil es widernatürlich ist. Nicht der Natur entspricht. Nicht zu befürworten ist.

Das können vielfältige Dinge sein, die Bandbreite reicht von Abtreibungen und Gentechnik bis zur Urbanisierung und Mobilität.

Mit dem Begriff ‚künstlich‘ und seiner Verwendung gibt es jedoch leider ein Problem, welches man im Alltag und Alltagsgebrauch allzu oft übersieht: es gibt lediglich ein (uns bekanntes) Universum, nur eine Welt, nur eine Natur. Der Begriff der Künstlichkeit ist somit wiedernatürlich ;) bzw. in dieser enthalten, und an und für sich absurd. Eine rein willkürliche Trennung.

Alles ist Natur. Selbst das Auto und der Beton unserer Wohnblöcke sind es. Ja, aber es ist doch anorganisch! Tönt es uns entgegen. Aber was ist dann mit Gentechnik? Oder ‚natürlichen‘ Formen der Abtreibung? Joghurt? Algenkulturen?

Neuer Versuch: Gemeinhin bezeichnen wir etwas als ‚künstlich‘, was von Menschenhand geschaffen ist. Die meisten von uns (gruß an unsere amerikanischen Freunde und deren Mainstream ;) , bezweifeln jedoch keines falls, dass der Mensch selber ein Produkt und Teil der Natur ist. Wenn aber der Mensch ein Teil der Natur ist, warum ist das, was er schafft, nicht Teil derselben sondern ‚künstlich‘? Den Mensch lehnen die meisten nicht als unnatürlich ab, warum dann (Teile) seiner Werke?

Der Mensch manipuliert doch lediglich andere Teile der Natur, und formt sie in neue Konstellationen um. Nichts anderes geschieht, wenn die Natur einen unserer Knochen formt. Oder der Apfelbaum einen Apfel – niemand käme auf die Idee, einen Apfel als unnatürlich zu bezeichnen. Egal, ob dieser in der Wildnis vorkommt oder in einem von Menschenhand geschaffenen Obstgarten.

Und das Bewusstsein? Hmmm. Ist der Speer oder der Feuerstein der Steinzeitmenschen bereits künstlich oder noch Natur? Schon schwieriger – während wir den Strohhalm, den ein Vogel zum Nestbau benutzt, unproblematisch einzuordnen wissen.

Klar ist ‚künstliches‘ eine andere Sorte der Natur, eine höhere Ordnung der Umformung, katalysiert durch etwas, was wir eben z.B. ‚Bewußtsein‘ und ‚Wille‘ nennen. Ähnlich wie nano, mikro und makro vielleicht. Aber doch immer noch Natur.

Und durchaus birgt künstliches seine Gefahren, gerade, wenn es an Grenzen des dagewesenen stößt, und das in einer vernetzten und chaotischen Welt in welcher es oft unmöglich ist, die Auswirkungen einzelner Entwicklungen auf das ganze vorher zu sagen. Und in welcher die Natur über ‚künstliches’Teile, ihre durch sich selbst geschaffenen Strukturen massiv zu zerstören droht. Künstlichkeit ist gefährlich, aber auch natürliche Phänomene wie Meteoriten, Eiszeiten, Erdmagnetfeldumpolungen (pls. google ;) in Kombination mit Gammastrahlung, werdende rote Riesen (google our sun;) oder Viren haben es durchaus in sich…
Es ist also nach wie vor Vorsicht angebracht. Eine dogmatische Ablehnung des künstlichen ist jedoch abzulehnen. Und ab und an kann es ganz nützlich sein, sich auch im Alltag an den Ursprung des Begriffes ‚künstlich‘ zu erinnern. Er ist eine relative willkürliche Trennung bzw. Kategorisierung von Teilen der einen und einzigen Natur.

Künstlich ist künstlich ;)